Erbil – Musikexperiment in Kurdistan

März 2022

“Hallo, hättest du Lust am 12. bis 17. März im Irak ein Konzert zu spielen? Es würden Flug und Unterkunft bezahlt werden.” – “Wie bitte?” Hab ich mich verhört? Die Sprachnachricht von Philip, mit dem ich lange befreundet bin, klingt irgendwie surreal in meinen Ohren. -“In den Irak? Da, wo der Ahmed her ist? Kann man da überhaupt hin? Oder ist das ein Scherz?” -“Erbil”, präzisiert Philip, als ob diese Info alle Sorgen im Wind zerstreuen würde. -“Ich mein, wenn einen da nicht irgendwer erschießt, oder so..” antworte ich prompt. Dann überlege ich… heute ist der 4. März. Ich rechne – in acht Tagen ist der 12. März. Irak – kann man da überhaupt hin? Ist das nicht gefährlich? War da nicht grad noch Krieg? Und was ist mit dem IS?…..
-“Heißt das ja?”, schreibt Philip. Ich öffne Google Maps und gebe “Erbil” ein. Immer gut zu wissen, wo man hin fährt…

Am selben Tag, um 23 Uhr in der Nacht bekomme ich eine Nachricht auf WhatsApp: “Hi Madam, Hope you doing well. I’m Sidar P. (*Name geändert), the Sax player. Sakina gave me your number.” Sakina ist eine kurdische Sängerin, die in Wien lebt. Sidar hat sie über’s Internet kontaktiert und nach Kontakten gefragt, persönlich kennen gelernt haben die beiden sich bisher nicht. Schnell erfahre ich die wichtigsten Details. Die Einnahmen des Konzerts werden für die Kinderkrebshilfe gespendet. Die Band wird international – ein Pianist aus Frankreich, ein Perkussionist aus Jordanien, ein Schlagzeuger aus Uruguay, ein Bassist aus der Türkei, ein Gitarrist aus dem Iran, der Organisator am Saxophon aus Kurdistan/Irak und… ich? Eine Geigerin aus Österreich? Klingt ja irgendwie spannend. Ich recherchiere: Nein, in Kurdistan müssen Frauen kein Kopftuch tragen. Nein, es ist nicht gleich wie im restlichen Irak. Die Autonome Region Kurdistan hat viel Eigenständigkeit, zum Beispiel Regierung und Militär, aber auch (sehr wichtig!) Einreisebestimmungen. Als EU-Bürgerin darf ich mich ohne Visum – ich muss lediglich ein 70€ teures “Visum” (=Eintrittsgeld) direkt am Flughafen erwerben – 10 Tage in Kurdistan aufhalten – dabei aber nicht in den Rest des Iraks einreisen. Kein Problem, da will ich eh nicht hin. Und was sagt Österreich zu der Idee? Das Außenministerium: “Reisewarnung (Sicherheitsstufe 6) für das ganze Land! Vor allen Reisen wird gewarnt!” Klartext: In Erbil scheint die Situation vergleichsweise besser zu sein, aber es kann nicht garantiert werden, dass Österreich mir hilft, wenn was ist. Hätt ich mir ehrlich gesagt auch nicht erwartet. Auf wen hör ich jetzt? Auf das Außenministerium oder auf meine Freunde, die die Region kennen? Also gut, ich überlege, was ich packe.

Am 8.3. am Abend schickt mir Sidar endlich mein Ticket – ok, jetzt wird’s echt. also real. Also… Wie flieg ich? Über Doha? Wo ist das nochmal? Achso ja, Katar. Naja ok, ein kleiner Umweg von ein paar Stunden, aber was soll’s. Immerhin gilt Qatar Airways als eine der sichersten Fluggesellschaften überhaupt. Übrigens interessante Kategorisierung bei der Filmauswahl des OnBoard-Entertainmentangebots – wer braucht schon Genres, wenn man Kategorien wie “Hollywood, Bollywood, Arabic, African, the world, …” hat.

Ankunft in Kurdistan

Zwei Flüge – zwei Abendessen (Curryhuhn mit Reis und Salat, undefinierbarer Nachspeisenbrei). Zwischenlandung in Doha – um Mitternacht noch 26°. Im DutyFree werden neben Gold und den neuesten/teuesten (I-)phones auch BMWs zum Kauf angeboten – convenient shopping for the Ölscheich? – mit dem Flugzeug gelandet und direkt mit dem neuen BMW nach Hause gedüst? Um 3:30 lande ich sicher und munter in Erbil. In Wien ist es jetzt erst 1:30.

Alles geht schnell… bis es dann gar nicht mehr geht. Vor mir breitet sich eine raumfüllende Front aus Schaltern aus, Iraqi Passports… und alle anderen. Ich stelle mich an und versuche mit der instabilen Verbindung des Flughafen-Wlans mit den Organisatoren in Kontakt zu treten. “I think i need to buy a Visa, there is a queue and also i read this on the Austrian website about travel” “European dose not need visa. I’m 100% sure you don’t need.”… Als ich 45 Minuten später beim Schalter bin, kann ich mich freuen, denn ich habe recht behalten! Also zurück. Wie viel – 75 Dollars? Hab keine Dollars. 70 Euro? Auch nicht. Irakische.. Dinar? Schon gar nicht. Also auf zum Bankomaten. Der erstaunlich freundliche Beamte (kein Wunder, er darf ja bald das Eintrittsgeld kassieren), begleitet mich und einen weiteren Geldlosen durch die Schranke in die falsche Freiheit. Am Weg treffe ich den Organisator, der ein Schild “music beats cancer” hält und versuche ihm die Lage zu erklären. Kurdischer Wortwechsel, ich verstehe nichts. Der Organisator verlässt das Gebäude. Okay.. “Wie viel Dinar sind denn 70 Euro…? ” Ich komme mir dumm vor. Wieso habe ich diese Basic Info nicht zu hause nachgelesen…? Aha, ich brauche also 100 000. Klingt viel, aber das ist hier so ähnlich wie Forint in Ungarn. Nur anders. Fast 1600 Dinar bekomme ich für einen Euro. Dann geht alles schnell und reibungslos. Die Beamten sind freundlich und höflich. Anstellen muss ich mich auch nicht mehr – alle anderen sind bereits durchgeschleust.

Ich treffe Mohammed und Rahim, die mich in einem großen schwarzen Auto zum Hotel bringen – Gangsterstyle. Dass sie mein Gepäck (ein alter Deuter Reiserucksack, ein blauer Fjällräven Hipsterrucksack und mein von mehreren Schichten Sticker überzogener Geigenkasten) tragen ist mir ein bisschen unangenehm – in meinem Backpackerlook sehe ich so gar nicht aus wie die Lady/Diva, die ich eigentlich sein sollte. Egal.. Gegen 5:00 bin ich endlich im Hotel.

“Suit your tounge!” – wichtiger Hinweis auf den Zuckerlkorb bei der Rezeption. Gute Kurdische Gastfreundschaft bedeutet eben auch frühmorgendlichen Naschzwang. Ich esse nur drei Zuckerl.. diplomatisches Geschick. Sidar redet und fragt und redet, bedankt sich, heißt mich willkommen, redet, fragt. Zimmer super, alles super, okay morgen 14 Uhr, ja alles gut, okay, ja… Ich bin müde. Als ich endlich alleine bin atme ich auf. Duschen, schlafen. Zahnbürste gibt es keine, dafür 4 Rasierkits. Vom Klo entferne ich einen Papierstreifen mit der Aufschrift “For your protection throw this to the bin”. Ich fühle mich protected. Beim Chor des Morgengesangs der Muezzine sinke ich innerhalb von Sekunden in den Tiefschlaf.

Verkehrsrauschen und Muezzinchor

Erster Tag – Samstag, 12. MÄRZ

Die Protagonisten

Sechs Musiker, eine Musikerin, sieben Länder, sechs Tage, ein Konzert mit Live-fernsehen und prominenten Gästen. Repertoire: Unbekannt. Kollegen: Unbekannt. Let the experiment begin.

Um 14:00 hat sich Sidar angekündigt, um dann direkt aufzubrechen. Um 15:30 kommt er im Hotel an. Endlich lerne ich meine Mitmusiker kennen – das heißt eigentlich nur vier von sechs.

Sidar, den Organisator und Saxophonisten aus Erbil, Kurdistan, Irak habe ich bereits am Vorabend kennen gelernt. Er wirkt immer ein wenig gestresst (weil Organisation eines Konzerts in Kurdistan, das kannst du nicht vergleichen mit Europa..), ist neben Musik noch voll auf Fitness und spricht, typisch Kurde, alle für die Region wichtigen Sprachen: Kurdisch, Arabisch, Farsi und Türkisch. Und zum Glück auch Englisch.

Übrigens: Sage niemals “Irak” in Kurdistan. Egal, welche Staatsgrenzen auf der Landkarte gezeichnet sind, sage niemals etwas anderes als: Kurdistan. Wenn du’s genauer wissen willst, lies nach, das ist ziemlich kompliziert. Aber auch wichtig, Geschichte und so. Damit man nicht Irak sagt, wenn man in Kurdistan ist. Ich spreche aus Erfahrung.

Awwad aus Amman, Jordanien ist begnadeter Perkussionist und Spezialist für Rhythmen aus dem nahen Osten. Sein häufigstes Wort ist “Yani”. Das ist so ein arabisches Füllwort, passt sozusagen überall. Ich beginne mich zu fragen, warum der nahe Osten auf Englisch eigentlich middle east, also mittlerer Osten, heißt. Womöglich ist Europa ja der nahe Osten des Westens. Also des Westens westlich von Europa. Möglicherweise sind wir auch im nahen Westen, also der nahe Osten quasi der Westen des fernen Ostens, Europa dann wieder der nahe Westen des nahen Ostens. Ich verliere die Orientierung.

Azim, unser Gitarrist, kommt aus Teheran im Iran. (Azim weiß, was er kann und bringt schon mal den Tee heran.) Mit seinen 1,95m sticht er aus jeder Menge heraus und wird uns im Laufe der Woche ein wichtiger Orientierungspunkt sein, nicht nur musikalisch. Er spielt Jazz und soliert, aber auch Blues, Rock, Klassik, Pop, “Weltmusik”, eigentlich so ziemlich alles, was ihm gefällt. Er ist ein sanftmütiger und entspannter Zeitgenosse und ich verstehe mich augenblicklich mit ihm.

Wer hätte gedacht, dass man in Kurdistan mehr Türkisch als Kurdisch lernt.

Sergen ist Bassist und kommt aus der Türkei, aus Istanbul. Eigentlich scheint er aber fast jedes Instrument zumindest ein bisschen zu beherrschen und bringt meiner Geige binnen Sekunden Türkisch bei. Und er spricht kein Wort Englisch. Und versteht keines. Oder will keines sprechen und verstehen. Dafür hat er offenbar einen guten Humor und macht ständig Witze auf Türkisch, die ich leider wiederum nicht verstehe. Sein Lachen ist trotzdem ansteckend.

Apropos Türkei, in Istanbul macht ein Schneesturm dem Flugverkehr zu schaffen, und weil die Türken wahrscheinlich die Winterreifen nicht rechtzeitig montiert haben sitzen unser Pianist und unser Schlagzeuger dort fest. Komische Welt..

Wir sitzen in der Lobby des Hotels, trinken Kaffee und Schwarztee, unterhalten uns, lernen nebenbei Organisatoren kennen, starren auf die vielen Schüsseln mit dutzenden Zuckerpackungen, die auf jedem Tisch stehen. Egal was passiert, dein Tee wird niemals bitter schmecken. In zwei Minuten fahren wir in ein Restaurant, sagt Sidar. Ich bin bereit. Noch ahne ich nicht das Ausmaß der Zeitverschiebung zwischen österreichischen und kurdischen Minuten. Dann heißt es plötzlich: Zeit für ein Interview, also quasi Kurzstatement zur Vorfreude und Dankbarkeit, für unbekanntes Publikum, vor Kamera. Crashkurs: BCF Organisation. Bee See Ef. Edwina academy. Sidar… Payavan. Pa…ja? van? PAjavan, okay. Dreißig Sekunden Schauspiel, Lächeln, Englisch und Gedächtnistest… bestanden. Gegen 17:00 brechen wir endlich auf. Mein Magen knurrt, denn das Frühstück habe ich natürlich verschlafen. Guten Morgen Erbil.

Wenn man aus Wien kommt, ist man das ja nicht gewohnt, dass man potentiell entführt oder ausgeraubt werden könnte. Jedenfalls wird uns eingebläut, nur ja keinen Alleingang zu unternehmen. Also: Entweder mit “unseren Leuten” im Auto, oder mit eigens von unseren Leuten gerufenen Taxis. Heute sehe ich jedenfalls, dass es doch Fahrstreifen gibt. Als ich am Tag zuvor spät nachts angekommen bin, konnte ich die verblassten Linien auf den “mehrspurigen” Straßen im gelblichen Licht nicht erkennen.. Eigentlich ist es aber egal – das Konzept “Fahrstreifen” in dem Sinn gibt es hier nicht – man fährt dort, wo gerade Platz ist. Auch die überall angebrachten Neonanzeigen “Use Seatbelt” – Sicherheitsgurt verwenden – werden hier von der Mehrheit wohl eher als Dekoration wahrgenommen. Irgendwie ist das auch eine Prioritätenfrage – die meisten Erbiler, bei denen wir im Auto mitfahren erdulden lieber das konstant andauernde Pipsen auf “G1” als einen Gurt anzulegen.. Als ich noch weiter nachfrage erfahre ich außerdem, dass es seit zwei (!) Jahren eine Alkoholgrenze von 0,5 Promille am Steuer gibt. An diese Einschränkung müssen sich die Kurden aber erst gewöhnen, denn bis dahin gab es keinerlei Alkohollimit. Angeblich war die Unfallhäufigkeit an der Änderung Schuld. Eine ärgerliche Angelegenheit für die Einheimischen.

Die ehrlichste Stadt der Welt…

Beim Restaurant angekommen staune ich schon wieder – vor dem Eingang hängt eine Box mit… Autoschlüsseln. Zur freien Entnahme? Oder gibt es in diesem Land keine Diebe? Sidar und Mohammed lachen und erzählen mir, dass in Erbil nicht gestohlen wird. Angeblich gibt es sogar eine Selbstbedienungswechselstube, wo man einfach soviel Geld (in der gewünschten Währung) mitnimmt, wie man dort lässt. Offenbar befinde ich mich in einem der sichersten Länder überhaupt! Also, abgesehen von der Sache mit den Entführungen und Ausrauberein natürlich. Details.

Wenn man in Erbil essen geht funktioniert das ungefähr so: Man bestellt viel zu viel, bekommt außerdem noch zahlreiche Vorspeisen (Meze) serviert, denkt sich, nachdem man dem köstlichen Brot und frischen Humus, den Salaten und Oliven und Käsen nicht widerstehen konnte, dass man die Hauptspeise eigentlich nicht mehr bräuchte, eigentlich nicht mehr schafft!… und isst sie doch, weil auf der Zunge zerschmelzendes Lammfleisch mit gegrillten Paradeisern und scharfen Pfefferoni einfach unschlagbar ist. Dazu trinkt man Ayran (Joghurtgetränk), Coca Cola und Wasser. Am Ende bleibt viel übrig, weil niemand, nicht einmal eine Kurdin oder ein Kurde, so viel essen kann.

Mit gefüllten Bäuchen geht es zurück in’s Hotel und zur ersten Probe. Ich bin gespannt, bis jetzt habe ich noch keinen blassen Schimmer habe, was wir spielen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt vorhanden: Saxophon, Geige, Gitarre und Percussion. Es fehlen: Schlagzeug und Klavier. Sidar beginnt uns das erste Stück zu zeigen. Es kristallisiert sich heraus: Wir werden Sidars Stücke spielen, also einen Mix zwischen traditionellen Kurdischen Melodien und Jazz. Bereits das erste Stück hat mehrere Teile und vertrackte Rhythmuswechsel. Ambitioniert. Die Akkorde hat Sidar aufgeschrieben, die Melodien nicht. Zum Glück bin ich eine schnelle nach Gehör-Lernerin. Diese Qualität ist bei diesem Projekt meine Rettung, eigentlich meine einzige Chance! Ich wünsche mir schon mal viel Glück. Viele Stunden später, erschöpft und ausgepowert, haben wir immer noch nur ein Stück geprobt. Ich frage mich: Wie sollen wir in fünf Tagen ein ganzes Konzert spielen?

Zum Glück gibt es einen Fernseher

Was tust du, wenn du in Kurdistan in einem Hotel sitzt, in dem Alkohol verboten ist, nirgends ohne Aufpasskurden hingehen sollst, sowieso keine Bars in der Nähe sind, es Mitternacht ist und du wegen Jetlag und Reise mit komischer Ankunftszeit hellwach bist? Genau – du schmuggelst Bier in deinem Rucksack, eingewickelt in einen Schal (damit die Flaschen nicht scheppern) in’s Hotel, entscheidest dich für ein Zimmer und zappst dich durch die tausenden TV-Kanäle des Hotelfernsehers. Azim und ich sind da jedenfalls auf einer Wellenlänge. Während wir uns über Erbil, über den Iran, über persische Freunde, Traditionen und Kulinarik, über Sprachen, Politik und Musik unterhalten amüsieren wir uns über die unterschiedlichen Musikvideos, die mal in rauschigem Farbflimmern, mal gestochen scharf, mal im Studio, mal vor eindrucksvoller Landschaftskulisse in traditionellem Gewand daherkommen. Auch Türkische, Arabische und Kurdische Fernsehfilme und Dramen verfehlen nicht ihre Wirkung, trotz oder vielleicht sogar wegen der Sprachbarriere. Live-Synchronisation in verteilten Rollen ist dann nur noch das künstlerische Sahnehäubchen, der künstlerische Schlagobersbatzn, sozusagen.

Um drei Uhr morgens tapse ich endlich in mein Hotelzimmer, um doch noch in’s Bett zu gehen. Am Gang treffe ich auf Sergen. Sergen spricht kein Englisch. Sergen schaut beunruhigt aus. Ich frage ihn trotzdem auf Englisch, was los ist. Er tippt etwas in die Übersetzungs-App auf seinem Smartphone und hält es mir unter die Nase. “Erbil Attack. Missiles.” Ich bin hellwach. WAS????? Ich kann nicht glauben, was ich gelesen habe. Schock. Diesmal tippe ich auf meinem Handy. “Erbil news” gebe ich in’s Suchfeld ein und werde sofort fündig. Offenbar wurden 12 Raketen vom Iran aus auf das US-Amerikanische Konsulat in Erbil abgefeuert. Vor zwei Stunden. 2,5 km von unserem Hotel entfernt. Wir haben nichts gehört… Und was heißt das jetzt? Ich schließe schon mal mit meinem Leben ab und freunde mich mit dem Gedanken an, länger als geplant in Erbil bleiben zu müssen. Ohnehin ist mir aufgrund des kürzlich gestarteten Kriegs in der Ukraine schon der Gedanken gekommen, was wäre, wenn Europa plötzlich nicht mehr ist, was es war.. was, wenn diesmal wir die Flüchtlinge im nahen mittleren Osten sind? Ich klopfe noch einmal bei Azim an und berichte. Im Gegensatz zu mir ist er die Ruhe schlechthin, so wie immer. Sorgen braucht man sich jedenfalls keine machen, meint er, das ist nur ein persönlicher Konflikt, meint er. Ach, persönlich, na dann.. Ich gehe in mein Zimmer und schaue aus dem Fenster. Auf der Straße fährt eine Kolonne von 30 Polizeiautos vorbei. Nur eine persönliche Sache. Ich lege mich in’s Bett und schreibe mit nachtaktiven Freunden. Einer von ihnen schreibt mir aus dem Luftschutzbunker in Lemberg. In was für einer Zeit leben wir eigentlich.. Zwei Stunden später schlafe ich ein.

Zweiter Tag – Sonntag, 13. März

Als ich nach wenigen Stunden Schlaf trotzdem erst gegen Mittag wach werde führt nach einer kurzen Dusche der erste Weg in die Lobby des Hotels, wo wir bei Türkischem Kaffee, Tee und Orangensaft auf die Ankunft der letzten beiden Bandmitglieder warten – Santiago aus Uruguay und Remi aus Frankreich.

Santiago ist eine Stadt – oder eigentlich mehrere. Santiago de Compostela, Santiago de Chile… Eigentlich ist in beiden Fällen der heilige Jakob gemeint. Viel wichtiger und sympathischer ist aber “unser” Santiago. Er ist Uruguayer mit schwedischen Wurzeln, weshalb unsere erste Unterhaltung auf Schwedisch stattfindet. Ich spreche zwar nur stockend, aber freue mich immer, wenn ich meine Schwedischkenntnisse anwenden kann. Seine Reise – ein einziger Alptraum. Abgesehen davon, dass Uruguay so ziemlich am anderen Ende der Welt liegt und man daher sowieso über 30 Stunden unterwegs ist, war unser Freund auch noch mit Schneesturm-bedingten Istanbulischen Taxijagden und unbeheizten Hotels konfrontiert, mit spontanen Flugoptionen und verrückten Taxifahrten, bei denen der Fahrer erst überzeugt werden musste, zum Flughafen zu fahren (“da fliegt eh nichts”). Als er es endlich nach Erbil geschafft hat, war das Visum, das er gebraucht hätte leider nicht da. Und Sidar leider nicht erreichbar. Deshalb muss Santiago leider acht Stunden lang in einem kleinen Zimmer am Flughafen ausharren, neben weinenden Menschen, die vor der Deportation stehen. Ja und außerdem war da noch der Mate. Mate, das ist ein Tee, der in ganz Südamerika beliebt und verbreitet ist. Tee. Blätter. Warmes Wasser. Tein. Die Kurden kennen Mate leider nicht und schicken ihn deshalb sicherheitshalber ins Labor, weil Santiago eh schon verdächtig und so. Mich würde ja interessieren, was bei der Analyse genau herausgekommen ist…

Remi ist Jazzpianist aus Toulouse, Frankreich. Er hat schon mehrere Konzerte in Erbil gespielt und kennt die Stadt ein wenig. Er ist freundlich und entspannt und wenn er vor dem Klavier sitzt perlen die Noten nur so von seinen Fingern. Genauso wie Santiago kommt er müde und erschöpft im Hotel an. Zwar wurde er nicht am Flughafen festgehalten, die abenteuerlichen Hotel, Taxi und Flug -jagden in Istanbul sind aber auch ihm nicht erspart geblieben. Idealer Einstieg in eine produktive Woche. Wir fahren essen.

Auf einer der vielen Autofahrten durch Erbil
Kurdische Kulinarik

Das Restaurant, das wir aufsuchen entpuppt sich als kulinarisches Highlight mit gemütlichem Lokalflair. Wenn unter den Gästen nur Einheimische sind, ist das eigentlich immer ein gutes Zeichen, aber ich muss natürlich zugeben: Touristen gibt es in Erbil ohnehin so gut wir gar keine, und die wenigen, die sich hierher verirren scheinen hauptsächlich US-Amerikaner zu sein. Im Lauf der Woche werde ich noch mehrmals gefragt, ob ich aus den USA sei.

Ayran ist zwar mittlerweile auch in Wien bekannt und verbreitet, einen Ayran-Automaten sehe ich hier aber zum ersten mal. Serviert wird es in großen blechernen Schüsseln, in denen man eher Suppe vermuten würde.. Die Bohnensuppe kommt dann aber in gewohnter Keramik und erinnert mich an ihre serbische Verwandte “Pasulj”, wahrscheinlich wegen Türkei und Geographie und so. Fleisch oder Gemüse wie Okra, Zucchini oder Melanzani, Reis mit Rosinen und Mandeln, klebriger roter Reis und anderes Getreide als Beilage, und natürlich die obligatorischen Meze, bestehend aus scharfen Pfefferoni, Salaten, Oliven, Hummus, Brot,… Um den strapazierten Magen ein bisschen zu beruhigen gibt es nachher noch den obligatorischen und allgegenwärtigen Schwarztee im Glas, traditionell zubereitet und mit ausreichend Zucker serviert.

Traditioneller Tee
Ayran-Automat
Tonentwirrungen oder: Am ANfang steht das Ohr

Zurück im Hotel steht die zweite Probe an, und die erste in voller Besetzung. Schon witzig, nur ein Tag und auf mich wirkt es schon so, als ob die zwei Neuankömmlinge die Dynamik komplett verändern würden, quasi neue Gruppe, quasi Störung des ewig Dagewesenen. Und dann wieder wird die neue Gruppe, genau diese Konstellation, diese Menschen, nur ein paar Stunden später, im Jetzt und Hier, zum einzig Vorstellbaren, zur einzigen logischen Konsequenz auf die Frage nach einer Band – zumindest für den Moment. Als wir die Probe nach Mitternacht endlich beenden, haben wir genau zwei Stücke gelernt und geprobt. Okay, beide Stücke sind eher Medleys mit unzähligen Teilen, Melodien, Rhythmuswechseln und Solos. Aber trotzdem. Zwei Tage, zwei Stücke. Wie soll sich das jemals ausgehen…

Von Links nach Rechts: Angelika, Sergen, Azim, Santiago, Awwad, Remi, Sidar

Um der frischen Verbundenheit noch eine besondere Note der Absurdität zu verleihen verschlägt es uns spät nachts noch zum Fast Food Lokal nebenan. Das Lokal heißt “Iceland” und ich frage mich, ob das in einem Land, in dem man im Sommer angeblich auf der Straße oder einer Motorhaube problemlos ein Spiegelei braten kann vielleicht so ein Trend ist – quasi, sei cool, wie in Island, wahre Kälte kommt von Innen, Eisland lässt grüßen. Man muss kaum mehr erwähnen, dass neben Burgern und Pizzas auch Schawarmaplatten, Meze, Ayran, Kebab und so weiter angeboten werden. Fast Food mit mittelöstlichem Touch.

– “You know what we need now? A beer and a bar!” Mit diesen Worten trifft Remi bei mir genau in’s Schwarze. In Erbil ist es zwar kein Problem, Alkohol zu trinken, aber ganz so leicht wie bei uns in Wien wird es einem dort trotzdem nicht gemacht – in unserem Hotel ist zum Beispiel Alkohol verboten und Remi’s Whiskyflasche fristet ihr trauriges Dasein irgendwo in den Untiefen des Rezeptionistenreichs. Und auch sonst gibt es Alkohol nur in bestimmten Bars, bestimmten Supermärkten und weil sechs Musiker und eine Musikerin nach vielen Stunden Probe und Fast Food nichts dringender brauchen als eben genau ein Bier und eine Bar machen wir uns auf den Weg – natürlich wieder mit Autos. Beim Eingang dann der obligatorische Gang durch den Securitydetektor, der auch brav bei uns allen auf dem Ton G1 pipst. Weiter passiert nichts. Nagut.. Übrigens ist das G offenbar der lokal übliche Pipston, auch für Autos und so weiter. Das ist so ein Musikerproblem, dass wir uns über solche Dinge immer Gedanken machen müssen. Ein Lied der Band erwischen wir noch, und während sich der Raum wieder einmal in die von blitzschnell gezückten Handys erhellte Dunkelheit eines der täglich zahllos auftretenden Stromausfälle hüllt werden bei uns mehrere Salate und von Kerzen warmgehaltene Fleischgerichte serviert. Geschenk des Hauses, Sidar ist hier offenbar ein bekannter Gast. Während ich an meine lätschade Pizza denke macht sich in mir ein kaum zu beschreibliches Bedauern breit – ein Bedauern, das man nur kennt, wenn vor einem die besten Gerichte überhaupt aufgetischt werden und man sich den Bauch mit Fast Food vollgeschlagen hat. Besser als Raketen, denke ich und bestelle Heineken, weil mir heute nicht nach Corona zumute ist. Spannend übrigens, bis dahin habe ich gedacht, dass es in Erbil gar kein Corona gibt. Ein paar Biere später lassen wir zu unserem eigenen Bedauern notgedrungen das gesamte Essen zurück und machen uns auf den Weg in’s Hotel. Ein weitere Tag in Erbil neigt sich dem sicheren und unaufhaltsamen späten Ende zu.

Dritter Tag – Montag, 14. März

Der gute Zweck, bevor wir ihn vergessen

“Music beats cancer” – so lautet das Motto beziehungsweise die Mission unseres Projekts, deshalb ist heute ein Lokalaugenschein mit Musikeinlage im entsprechenden Krankenhaus geplant. Nach der üblichen Abenteuerfahrt biegen wir auf einen kleinen, von Olivenbäumen gesäumten Parkplatz ein. Unzählige unaufhörlich zwitschernde Schwalben schwirren unermüdlich zwischen ihren unter dem Vordach einer angrenzenden Garage gebauten Nestern und den umliegenden Bäumen und Sträuchern umher und lassen, gemeinsam mit der erstaunlich warmen Sonne eine verdächtig friedliche Sommerstimmung aufkommen. Schwalben.. ein Symbol des Glücks und des Frühlings. Ich blicke auf die rotweiß-gestreiften Wollarmbänder auf meinem linken Handgelenk. Zwei Wochen lang habe ich sie Tag und Nacht getragen, nur um auf den richtigen Moment zu warten… den richtigen Ort…

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. “Group picture, Angelika, come on, let’s go”. Aha, Spitalsbesuch und Fototermin? Mich wundert nichts mehr. Wahrscheinlich wegen Sonne, Olivenbäumen und Schwalben, quasi unwiderstehlich. Also dann, lasset uns posen.

Hintere Reihe: Mohammad, Remi, Awwad, Sergen, Angelika, Azim
Vordere Reihe: Sidar, Santiago

Und schon geht es weiter, hinein in’s Spital. Das erste mal seit meiner Ankunft müssen wir Masken tragen. Nagut, denk ich mir, Station mit krebskranken Kindern, irgendwie einsehbar. Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass sind schwer transportierbar, Saxophon, naja, vielleicht zu laut? Jedenfalls sollen Azim und ich spielen, mit Handtrommelbegleitung von Awwad. In den wenigen Minuten vom Parkplatz bis zur Kinderstation brain-stormen (Hirn-stürmen) Azim und ich, was wir denn eigentlich spielen sollen. Wir einigen uns auf den griechisch-türkischen Hit Şinanari und auf das im gesamten nahmittleren Osten verbreitete Lied Bint el shalabiya, dessen berühmteste Einspielung von der legendären Libanesischen Sängerin und Ikone Fairuz stammt. Fünfzehn Minuten später ist es dann auch schon wieder vorbei, zurück in die Sonne. Wirkliche Verbindung war das nicht, eigentlich haben wir mit niemandem dort wirklich geredet, die Kinder auch nur wenig gesehen, wie sie schüchtern in unsere Richtung schielen. Aber ein bisschen Musik, ein bisschen Stimmung, immerhin. Ich hoffe insgeheim, dass wir ihnen trotzdem wenigstens eine kleine Freude gemacht haben. Sowieso, da kommt einiges zusammen: Krebs haben, Kind sein, im Spital sein, im Spital in Erbil sein, ein krebskrankes Kind in einem Erbiler Spital sein, das ist dann alles gemeinsam schon ziemlich viel.

Bulgarische Wolltraditionen

Doch zurück zu den Oliven und Schwalben. Endlich habe ich die Zeit, mich eines meiner beiden Wollarmbänder zu entledigen. Martenitsa heißen die Bändchen, da gibt es auch Wollpüppchen, am besten selbst gemacht, sonst gekauft. Eine Bulgarische Tradition, um den Frühling zu begrüßen. Am ersten März werden die kleinen Glücksbringer verschenkt und dann so lange getragen, bis man… den ersten blühenden Busch sieht? (aber das wären dann in meinem Fall null Tage gewesen, auch fad), man einen Storch sieht? (wann sieht man in Wien schon einen Storch?),… man Schwalben sieht? Also dann die Schwalben. Und am Olivenbaum vor dem Spital in Erbil ist das irgendwie perfekt, finde ich. Wer weiß – vielleicht kommt ja eine Bulgarin oder ein Bulgare hier vorbei, kann den eigenen Augen nicht trauen, beginnt vor lauter Freude Rachenitsa zu tanzen und löst einen Riesentrend im mittleren Osten aus, sozusagen Volkstanzhit der nächsten Generation. Oder ein Mitarbeiter des Spitals entfernt das Band früher oder später und wundert sich ein wenig… oder eine Elster stibitzt es. Oder eine Schwalbe zweckentfremdet es zum Nestbau. Oder es verrottet einfach oder wird im nächsten Sturm davongeblasen. In jedem Fall: Gute Reise.

Die Zitadelle im Zentrum Erbils, das sich mit vielen anderen Städten den weit verbreiteten und naheliegenden Spinnennetz-Stadtaufbau teilt, ist die touristische Attraktion dieser Stadt schlechthin. Wobei die Touristen so gut wie ausschließlich aus dem Nahmittelosten stammen. Englisch oder auch andere Europäische Sprachen sucht man vergebens zu erlauschen. Im Zweifelsfall werden wir für US-Amerikaner gehalten, die häufigsten der spärlichen Gäste. Das hat natürlich auch geopolitisch-geschichtliche Hintergründe, aber lassen wir das.

Auf dem Weg im Auto gibt es noch eine kleine kulturhistoropolitische Kostprobe, die sich in nur einem Satz Sidars äußert: “Finally a Turkish said we’re good people”. Der Türke ist natürlich unser Bassist. Türken und Kurden. Wenn du mehr wissen willst, find’s heraus.

8000 Jahre sind keine fünf Minuten

Als wir zu der Einfahrt, welche zur schmalen, die Zitadelle umrundend aufsteigenden Straße führt, kommen, reichen wenige Worte und wir dürfen passieren. Eigenartig… Oben angekommen parken wir auf einem windig-staubigen Parkplatz auf dem zentralen Plateau. Ich beginne zu verstehen, warum hier alle Autos schmutzig sind. Wüste und so. Sand und so. Wind und so. Typisch Europäerin, dass mir das erst jetzt klar wird…

Wir werden von einem älteren Ehepaar begrüßt, das sich als Sidar Eltern vorstellt. Offenbar arbeitet sein Vater in der Zitadelle, daher die Privilegien. Auf einem weit emporragenden Mast weht die Flagge Kurdistans, die Flagge der Kurden im lebhaften Staubwind und blendenden Sonnenlicht, Menschen trotten umher, wir folgen dem Strom und unseren Locals und lassen uns treiben.

In versteckten Ecken schlummern einige kleine Museen, die wir selbstverständlich alle gratis besuchen dürfen, Zitadellen-VIP. In ihnen werden den interessierten Spazierern Kunsthandwerk, Geschichte und lokale Traditionen näher gebracht.

Ein besonderes Juwel bildet dabei das Museum der Trachten. In liebevoller Handarbeit fertigt die Frau, die es betreibt Miniaturversionen traditioneller Kleidung an und zeigt diese an… Barbie-Puppen? Ich muss schmunzeln. Leider bleibt mir keine Zeit, herauszufinden, wie es zu dieser sonderbaren Symbiose gekommen ist.

Wir nähern uns dem Herzen der Zitadelle, die seit 2014 UNESCO Weltkulturerbe ist. Jahrtausendalte Geschichte liegt unter unseren Füßen, und obwohl ich wenig weiß, glaube ich doch zu spüren, dass sich hier mehr zugetragen hat als selbst die Bücher wissen.

Im Herzen der Zitadelle
Aladins Wunderlampe

Vorbei an einem kleinen Kolosseum, in dem wohl Veranstaltungen stattfinden (könnten) führt uns unser Weg durch das beeindruckende Haupttor schließlich wieder hinaus aus der Festung, zu einer Terrasse und einer zum Zentrum hin abfallenden Stiege. Ich realisiere langsam, wo ich bin.

Marktaugen-ein-blick

Wir steigen über die von den Schritten Tausender vor uns abgenutzten Stufen der Stiege hinunter und tauchen ein in’s bunte Treiben der Erbiler Innenstadt. Natürlich – typisch Musiker und innen – wie von Geisterhand werden wir sofort in’s nächstgelegene Musikinstrumentengeschäft eingesogen. Bis in’s freie Türmen sich die Ouds und Tanburs, Dafs und Darbukas, Tombaks und Darvuls. Wir probieren, schauen, und wandern so langsam in’s Innere des Ladens. Der Verkäufer muss nicht lange überredet werden. Inmitten von hängenden, stehenden und lehnenden Instrumenten spielt er auf seiner elektrisch Verstärken Saz zu den laut durch die Boxen schallenden Beats. Traditioneller Techno, oder so.

Bakr Sazvan, Betreiber des Geschäfts für traditionelle Instrumente bei der Erbiler Zitadelle

Ein Lied erkenne ich… Habe ich das nicht schon gehört, gesungen, gespielt? Ich weiß wen ich frage – meine Dänisch-Türkische Freundin Luna weiß Bescheid. Das Lied heißt Keçe Kurdan, schreibt sie. Ich erinnere mich, vor einigen Jahren habe ich sie bei einem Konzert unterstützt, ich habe das Lied also tatsächlich bereits gespielt, sogar auf einer Bühne! Keçe Kurdan bedeutet “Kurdisches Mädchen” und ist ein Lied des 1955 in der Südosttürkei (also Kurdistan) geborenen kurdischen Sängers Şivan Perwer. In Österreich kennt man ihn wegen seiner Zusammenarbeit mit dem 2022 verstorbenen Willi Resetarits. Zum Beispiel hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=9DYxq-ngxtM. Aber ich schweife ab… Das Lied ruft jedenfalls Kurdische Mädchen und Frauen dazu auf, ihre Stimme zu erheben. “Wir sind Kurdische Mädchen/Frauen, wir sind süß und wie Kriegerinnen, wir sind Kurdische Blumen, wir rebellieren gegen die Barbaren”, heißt es im Refrain, weiter oben “Frauen haben die Führung übernommen, und lesen viel”. Bildung und Stärke.

Aynur Doğans Version von Keçe Kurdan
Luna’s Version von Keçe Kurdan

Wen’s interessiert, hier gibt es eine Übersetzung des Textes auf Englisch: https://lyricstranslate.com/tr/ke%C3%A7%C3%AA-kurdan-kurdish-girls.html

Erst als ich wieder in Wien bin, finde ich heraus, dass der Verkäufer und Musiker Bakr heißt, 1974 geboren wurde und seit nunmehr 32 Jahren hier, unterhalb der Zitadelle Instrumente verkauft, Unterricht gibt und jeden Tag Kurdische Musik sozusagen “unter die Leute” bringt. Auch seine Gäste kommen regelmäßig zum Zug und so ist er mit Sicherheit nichts Geringeres als eine Legende, ein Urgestein, einer von den Guten.

Hier ein Artikel in Kurdistan 24, dem Kurdischen Nachrichtensender mit Sitz in Erbil (und Auslandsbüro in Washington D.C. …): https://www.kurdistan24.net/en/story/26829-Kurdish-saz-player-in-Erbil-citadel-wants-to-put-a-smile-on-people%27s-faces

Freunden von sozialen Medien möchte ich an dieser Stelle auch empfehlen, das Facebook-Profil von Bakr zu durchstöbern, für tägliche Inspiration: https://www.facebook.com/profile.php?id=100018339811980

Viel Zeit haben wir leider nirgends, obwohl es, wie ich noch nicht ahnen kann, der einzige touristische Ausflug unserer Reise bleiben soll. Als nächstes geht es im Eilschritt durch den Bazar. Traditionelle Kleidung, billige Turnschuhe, ganze Gänge gefüllt mit goldenem Schmuck, der hinter von Kameras überwachten Glasscheiben funkelt, Fleisch, Käse, Süßigkeiten, Fisch, Nüsse, getrocknete Früchte, Gewürze, Tücher… Ein junger Mann schiebt mich mit einer sanften Bewegung aus dem Weg, während er einen Teller mit hoch aufgetürmten Fladenbroten von einem Laden zum andern balanciert. Am liebsten würde ich stundenlang flanieren, mich durch die lokalen Köstlichkeiten probieren, eventuell das eine oder andere Souvenir, einen Hut, ein Tuch, ein Instrument? .. kaufen.. aber leider dauert unser Turbo- Sightseeing wahrscheinlich maximal zehn Minuten, und schon müssen wir weiter. Sich abseilen und im Alleingang spazieren – undenkbar, unmachbar, unmöglich. Ich beginne meine gewohnte Freiheit zu vermissen…

Auch der Hunger drängt uns, und natürlich das Konzert, das näher rückt und uns immer im Nacken liegt. Zurück in der Zitadelle nehme ich mir dennoch kurz Zeit und setze meine zweite Martenitsa aus, hier, an einem Olivenbaum im Zentrum der Kurdischen Hauptstadt, im Irak, im achttausend Jahre alten Wüstenstaub der Geschichte.

Unerwähnte Vergangenheiten wecken Neugier

Auf der Autofahrt passieren wir einen Kreisverkehr, in dessen Mitte die Statue des riesig vergrößerten Oberkörpers eines ernst dreinblickenden Manns mit Schnurrbart und Turban thront. Um den Hals hängt ein eigenartiger Schmuck, den ich bei späteren Internetrecherchen als Munitionsgürtel identifizieren kann. Wer ist der unbekannte Wichtige? Ich ahne schon, was noch auf jeder meiner Reisen eingetreten ist…früher oder später wird man eingeholt, und zwar von Politik und Geschichte. Es ist unmöglich, in ein Land zu reisen, ohne damit konfrontiert zu werden. Zugegeben – in manchen Ländern gibt es die Möglichkeit, sich bequem zurück zu lehnen, und das ausgewählte Touristenprogramm zu genießen, einfach das zu sehen, was man sehen soll. Aber wer entschiedet, was Touristen sehen sollen? In Erbil ist es aber sowieso ein bisschen anders, denn hier ist ohnehin nichts auf Touristen ausgelegt. Trotzdem gibt es da einige Geheimnisse, einige Tabus. Zum Beispiel diese Kreisverkehrsmittenbüste. Oder auch die Bilder, die in allen staatsnahen Einrichtungen aufgehängt und aufgestellt werden. In unserem Hotel, das wohl auch in diese Kategorie fällt, hängt ein Bild eines Mannes mit Turban und Schnauzbart, der vom Sicherheitsdienst gecheckt wird. Dabei sieht er eher vergnügt drein, beinahe als würde er tanzen. Anderorts hängen einfach Porträts, meist in Kombination mit der kurdischen Flagge. Als ich versuche, zu erfahren, was es damit auf sich hat, blitze ich ab. Gut, ich kann es mir in etwa denken, aber wieso darf man nicht darüber reden? Auch Fotos der patriotischen Bilder sind strengstens verboten. Das steht zwar nirgends, aber alle wissen es.

Das geheime Wort lautet “Barzani”. Die Barzanis, das ist ein Familienclan, der ursprünglich aus dem Dorf Barzan stammt. Mustafa Barzani hat sich einst im Kurdischen Unabhängigkeitskrieg einen Namen gemacht, und nachdem, mit freundlicher Unterstützung der US-Amerikaner, 2003 der frühere Irakische Regent Saddam Hussein gestürzt worden war, wurde sein Sohn Masud der erste Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Irak. In den Folgejahren setzte die Familie immer mehr Stammesmitglieder und nahestehende Verwandte in Politische Ämter und baute ihren Einflussbereich in zahlreichen, wichtigen Institutionen aus.

Statue von Massoud Barzani in der Mitte eines Kreisverkehrs
Große Träume – die Welt, die Menschen und wir

Zurück im Hotel proben wir endlich,und zwar gleich mehrere Stunden mit kurzen Pausen. Erst gegen Mitternacht, als unsere Ohren und Köpfe nicht mehr kooperieren, lassen wir es gut sein. Mit Tee (was sonst) und Zigaretten, die man hier überall rauchen darf (in Bars, Hotelzimmern, Cafes,…) lassen wir den Abend ausklingen. Dabei kreisen unsere Themen um Weltpolitik, Religion, Geopolitische Zusammenhänge, Rassismus, Feminismus,… Die Lage für Musiker und innen im Nahmittelosten, meinen die Nahmittelostler, sei jedenfalls deutlich schlechter als in Europa. Generell, auch so das mit der politischer Stabilität, Sicherheit und sowas, dann die Probleme mit Korruption und so, die Normalität der Gelegenheitsraketen. Ich versuche ein Wenig zu relativieren – Beispiel: Polen. Weil dort gerade zum Beispiel Abtreibung quasi fast in allen Fällen illegal gemacht wurde, sprich Riesenrückschritt in Sachen Frauenrechte und so, eigentlich katastrophal für ein EU-Land. Sidar schaut verwirrt… als er endlich versteht, worum es geht, meint er nur: “Wir haben hier andere Probleme, bei uns gibt es Menschen, die kein Trinkwasser haben.” Naja. Als Frauenrechtsaktivist hätte ich ihn aber ohnehin nicht eingeschätzt…

Irgendwann beginnen wir zu träumen, aber nicht von einer besseren Welt, das wäre in den Zeiten, in denen wir leben ohnehin höchst illusorisch, nein, von unserer zukünftigen musikalischen Weltherrschaft. Naja fast. Gut ist unsere Band ja schon, das muss ich zugeben. Wir phantasieren über Konzerte im Nahmittelosten, in Europa, eigentlich überall, von ausverkauften Stadien, den bekanntesten Jazzclubs und Konzertsälen. Am besten beginnen wir gleich, demnächst sozusagen, am besten direkt in Bagdad. Ich sage nichts, aber ob ich wirklich des öfteren in Gelegenheitsraketengebiete reisen möchte, muss ich mir noch überlegen… verlockend ist es allemal, Bagdad, die Heimatstadt von Sindbad dem Seefahrer. Zumindest, wenn man der Anime-Fernsehserie aus den 1970-er Jahren glaubt, die mich seit frühesten Kindheitsjahren begleitet. Hier ein Link zu ersten Folge: https://www.youtube.com/watch?v=0t1Fsp2Pj2M. Achja, und Ahmed ist auch fast von dort. Eigentlich aus Babel, wo, wie man sich erzählt, die Sprachen verwirrt wurden. Mesopotamien, das wohlklingende Zungenbrecher-Schlaraffenland, von dem man in langweiligen Geschichtsstunden immer wieder mal gehört hat. Die zeitliche und geographische Entfernung scheint sich plötzlich in Luft aufzulösen. Eigentlich eh fast gestern, ums Eck sozusagen. Alles eine Frage der Perspektive…

Das Hotelcafe
Keine Angst vor Unterzuckerung
Čaj

Vierter Tag – Dienstag, 15. März

Persische Sprünge passieren Per Se pünktlich und punktgenau

Noch zwei Tage, dann stehen wir auf der Bühne. Also, wenn alles gut geht, wenn nicht im letzten Moment alles abgesagt wird. Hier weiß man offenbar nie so genau, was passieren wird. Wie dem auch sei, die genauen organisatorischen Details bleiben uns zwar zum Glück verborgen, aber obwohl uns allen immer bewusster wird, dass die Zeit drängt wird der vereinbarte Probenzeitpunkt natürlich trotzdem wieder einmal nicht eingehalten. Schon wieder verschwenden wir den Großteil des Tages, hinaus sollen wir nicht, sagen die Organisatoren, und ohne Sidar können wir nicht proben. Na grandios. Wir sitzen im Hotelcafe und plaudern, bei Tee, Kaffee und Orangensaft. Was sollen wir auch sonst tun…

Übrigens, heute ist ein wichtiger Tag in Persien, also im Iran. Nämlich der Tag, auf den die Nacht vor dem letzten Mittwoch vor Nouruz folgt. Also sozusagen die Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Nouruz, das ist das persische Neujahr, das traditionell am 21. März, also zu Frühlingsbeginn gefeiert wird. Die gesamte Dauer, inklusive aller Traditionen und Bräuche und so weiter erstreckt sich allerdings über ganze 13 Tage. Vom Frühjahrsputz über das Kaufen von neuem, bunten Gewand bis hin zu den wichtigen Sieben Sachen: Sib, Sabzen, Senjed, Serked, Somagh, Sir, Samanob/ Samanak  – Apfel, Weizen, Gersten- oder Linsensprossen, getrocknete Mehlbeere, Essig, eine persische Gewürzmischung, Knoblauch und schließlich Weizenkeimpudding. Lauter Symbole, Details findet man zum Beispiel hier: https://www.backpackertrail.de/persisches-neujahr/

Blick von meinem Hotelzimmer

Aber ich schweife ab… Jedenfalls versäume ich gerade wichtige Tage dieses Festes in meiner Wiener-Persischen Community, sozusagen. Und heute, eben in der Nacht vor dem letzten Mittwoch vor Nouruz, da muss man übers Feuer springen. Bringt Glück und so. Nur woher ein Feuer nehmen? Azim und ich überlegen bei Tee, Kaffee und Orangensaft, eingehüllt in Rauchschwaden, schicken Videobotschaften an unsere Freunde. Vielleicht auf dem brach liegenden Grundstück gegenüber? Was passiert, wenn man in Erbil einfach mal ein kleines Feuer entfacht, aus Traditionsgründen? Nagut, irgendwie anders. Aber wie? Aber wie…

Es brodelt nicht nur im Kessel

Am späteren Nachmittag taucht endlich Sidar auf und die Probe kann doch noch beginnen. Uns fehlen noch vier ganze Nummern. Vier Nummern, die wir noch gar nicht kennen, noch nie gemeinsam gespielt oder probiert haben. Während wir uns von Arabisch (Awwad und Sidar ) über Türkisch (Sergen, Sidar und Awwad) und Englisch (alle außer Sergen, wahrscheinlich) durch die Probe hangeln wird die Stimmung spürbar angespannter. Die Euphorie der vergangenen Tage, der Enthusiasmus, die schwindelerregenden Zukunftspläne scheinen nach und nach im Grau der Realität zu verblassen. Eigentlich verstehen wir uns alle sehr gut und obwohl wir uns erst wenige Tage kennen, scheint uns schon eine ganze Reise zu verbinden… wenn da nicht einer wäre… und gerade der ist doch ziemlich zentral in der ganzen Sache.

Bei den zahlreichen Zigarettenpausen (sprich: Kurzflucht durch die Hoteleingangstür), bei denen uns der eifrige Hotelangestellte wie immer die Türe öffnet – er muss uns dafür meistens im Eilschritt hinterherlaufen, damit er es noch vor uns zur Türe schafft, besonders bei mir scheint diese Geste eine ganz besondere Wichtigkeit zu besitzen – machen wir unserem Frust verbal Raum. Wieso lässt uns Sidar stundenlang warten, schreibt nicht einmal eine Nachricht? Wieso erzählt er uns ständig, wie schwer er es hat, wie schrecklich alle sind? Wieso kritisiert er speziell Santiago – man darf nicht vergessen, er hat den weitesten Weg zurückgelegt, um hier mit uns zu sein – bei jeder Gelegenheit? Wieso stellt er sich immer und bei jeder Gelegenheit als Opfer dar? Wieso hat er eigentlich nicht Musiker und innen vor Ort gefragt? Wieso war zwei Wochen vor dem geplanten Konzert die Band noch nicht vollständig? Sind wir wohltätige Künstler, oder naiv ausgenutzte Musiksklaven? Ich will hier ja nicht psychologisieren, aber da hat’s was, und zwar ziemlich…

Schließlich kommt es zur Konfrontation – diesmal zwischen Awwad und Sidar, und zwar auf Arabisch. Wir anderen verstehen zuerst relativ wenig, irgendwas mit Rhythmus, die Stimmen werden immer lauter… bis dann die hitzige Diskussion – eh klar – in einer Auslüftpause bei Zigaretten- und Abgasrauch endet. Offenbar ging es um nur einen Takt. Offenbar hat Sidar Awwad beleidigt, und das in Anwesenheit von Mitmusikern und Mitmusikerin, sowie ein paar Zuhörenden (Organisatoren und ihre Partnerinnen). Der Anfang vom Ende. Ein paar (leere?) Worte der Entschuldigung und wir proben weiter, kommen aber nicht mehr so recht voran. Gut, Feierabend. Feierabend? Auch heute müssen wir uns vehement dafür einsetzen, das Hotel wenigsten jetzt, also bereits nach Mitternacht, für ein paar Stunden verlassen zu können. Hunger haben wir natürlich auch.

Kurzdisco in Kurdistan oder: was wir eigentlich lieber machen würden…

Das erste Restaurant, das wir anfahren, schließt gerade, aber beim zweiten haben wir Glück. Die Party ist voll im Gange, ohrenbetäubend verstärkte Livemusik schallt uns schon beim Eingang entgegen. Endlich Nachtleben! Denk ich mir. Allerdings kann Sidar unsere Begeisterung für diese “primitive Volkskultur” so gar nicht verstehen, und versucht uns davon abzubringen, überhaupt zuhören bzw. zuschauen zu gehen. Abhalten lassen wir uns natürlich nicht, aber mitmachen trauen wir uns dann doch nicht. Vielleicht, wenn wir den ganzen Abend hier verbringen würden, ein paar Leute kennen lernen und so, socializen… Dazu kommt, dass nur Männer tanzen. Zugegeben, das kann ein Zufall sein, sowas ist mir tatsächlich bereits passiert, zum Beispiel auf Kreta, totales kulturelles Missverständnis und alles eigentlich gar nicht so wie gedacht. Ich überlege bereits, ob ich nicht trotzdem sowieso die angenommenen kulturellen Normen sprengen sollte, einfach hingehen und mittanzen, mal schaun was passiert? Ein bisschen aufmischen im wilden Kurdistan? Mich unbeliebt machen, riskieren respektlos rüber zu kommen? Wer weiß, im Nachhinein ist man immer schlauer. Leider endet die Musik, bevor ich mich entschließe. So ist es halt leider auch oft im Leben, einen Moment zu lange gezögert, und schon vorbei. Gut, dann stopfen wir uns eben die Bäuche mit exzellentem Kurdischen Essen voll.

Kurdische Disco in Erbil

Während wir plaudern und essen bin ich mir immer unsicherer, ob Sergen wirklich kein Englisch versteht. Mir kommt vor… er versteht… und dann sagt er “pshhhht” und legt den Finger auf die Lippen. “Secret!” Achso. Na dann. Vom Nachbartisch, dem offenbar auch noch nicht nach Ruhe zumute ist, gibt es eine kleine Extraeinlage:

Singen am Nachbartisch, inklusive kurdischer Juchzer
Restaurantrunde, von links nach rechts: Santiago, Remi, Sergen, Sidar, Mohammad, Awaad, Angelika, Azim

Schon besser. Doch halt! Das Feuer! Ohje ohje… Ich überlege kurz, ob wir versuchen sollen, den Restaurantmitarbeitern (ohne innen) unsere Lage zu erklären, vielleicht gibt es ja einen Grill, oder so… aber dann beschließen wir doch, einfach zu improvisieren. Ein Feuerzeug, ist doch auch irgendwie Feuer, sagt ja sogar schon der Name… Schnell versuche ich noch den Spruch, der dabei aufgesagt werden muss, zu lernen:

„Zardi ye man az to, sorkhi ye to az man!“ – „Meine Schwäche an dich, deine Stärke an mich!“ (Oh, du Feuer!)

Nach erfolgreichem Glückssprung mit perfekter Performance kann eigentlich nichts mehr schief gehen, denn, das wussten schon die alten Weisen, die weisen Alten: persische Glückssprünge funktionieren immer! Gute Nacht!

Erfolgreicher Feuersprung

fünfter Tag – mittwoch, 16. März

Ihre Aktuelle Wartezeit beträgt…

Heute ist der letzte Tag vor dem Konzert, sozusagen der Tag der Generalprobe. Dass wir immer noch kein vollständiges Konzertprogramm haben ist natürlich etwas beunruhigend, aber gut, wir haben ja noch einige Stunden Zeit. Sidar hat sich zwischen 10 und 11 Uhr angekündigt und hoffnungsvoll, wenn auch aus Erfahrung misstrauisch geworden, warten wir ab circa 11:30 in der Lobby. Dass es dann aber sage und schreibe 15:30 ist, als Sidar, natürlich ohne sich bei uns gemeldet oder entschuldigt zu haben, im Hotel auftaucht, schockiert uns dann doch, vor allem in Anbetracht des in unmittelbare Nähe gerückten Konzerts – immerhin mit Live-Fernsehen und prominentem Publikum. Wir erfahren von Sidar, dass angeblich alles sehr kompliziert sei, dass unser Konzert fast abgesagt wird und wurde, unter Anderem auch wegen der paar Raketen (dabei ist man doch hier an sowas gewohnt, hab ich gedacht?) …

Gegen 17 Uhr kommen wir endlich bei der Konzerthalle an, und obwohl ich das Frühstück natürlich wieder einmal nicht erwischt habe und auch kein Mittagessen stattgefunden hat bin ich froh, dass endlich etwas passiert. Gut, denk ich mir, wir werden proben, Soundcheck, noch geschwind ein Stück lernen, dann gemütlich essen gehen, und morgen spielen wir Konzert und dann gibt’s Party. Eigentlich naiv, zu diesem Zeitpunkt noch so optimistische Visionen zu haben, später kann ich es dann nur darauf schieben, dass mein Hirn vom Zigaretten- und Abgasrauch eingenebelt gewesen sein muss. Wir biegen mit Sidars Jaguar und dem Taxi in die Einfahrt ein und bleiben stehen. Das ganze Gelände ist komplett abgeriegelt und von einer Mauer umgeben. Beim Eingang treffen wir auf ein eisernes Tor und bewaffnete Aufpasser. Also, denk ich mir, die haben anscheinend schon irgendwie Angst oder Sorge, oder irgendwie Gründe zur Vorsicht, oder wie soll man sagen… Aber wir sind ja die internationale Band für das große Konzert am nächsten Tag, sollte also kein Problem sein, wir sind sicher ein bisschen sowas wie Stars oder so, VIP quasi, denk ich mir. Denk ich mir… Naja, die einnebelnden Schwaden, was soll ich sagen…

Warten auf…

Es ist nämlich, wird uns erklärt, haben die Aufpasser gesagt, so, dass sie unsere Pässe sehen müssen. Nur das Hotel, in dem wir wohnen, findet auch, dass es unsere Pässe unbedingt für uns aufheben muss, sicherheitshalber. Leider haben die beiden Institutionen, obgleich beide staatsnah, sich nicht abgesprochen, oder vielleicht doch? Wir müssen jedenfalls warten. Eine Stunde neben der Straße, die Raucher in der Band sind inzwischen zu Kettenrauchern geworden. Dann dürfen wir die nächste Stunde in dem Kammerl von den Aufpassern warten, weil ein bissl haben wir ihnen dann anscheinend doch leid getan. Da gibt es schöne Flaggen und Bilder, und eine praktische Security-Schranke, so wie überall, diesmal, per Gehör und App ermittelt, auf dem entzückenden Tönchen “Cis” (=”Do Diez). Sidar telefoniert. Und wartet. Und telefoniert.

tapsch nicht gibt’s nicht

Eine weitere Stunde vergeht bis unsere Pässe zu uns gefunden haben, bis man uns (die Band!) als vertrauenswürdig genug für den Sicherheitscheck befunden hat. Als einzige Frau in der Gruppe werde ich in ein anderes Zimmer gewunken, weil das muss immer geschlechtergetrennt stattfinden. Dass die Frau, die mich checkt dann allerdings nur den Inhalt meines Rucksacks sehen will, ist ein anderes Kapitel. Vielleicht haben die Männer Angst, Tampons oder so zu finden? Jedenfalls ist da im Rucksack natürlich mein DPA, mein Schwanenhalsmikrophon für die Geige, ein phantastisches und auch hagliches und nicht gerade günstiges, aber unumgängliches technisches Gerät, das meiner Erfahrung nach in so großen Konzerthallen wie hier normalerweise sowieso vorhanden ist, aber naja, wer weiß, hab ich mir gedacht und es mitgenommen. Bei der Securityfrau löst es Misstrauen aus, das schwarze Tascherl, ich soll es öffnen. Kein Problem, sag ich, aber bitte nicht angreifen, weil haglich. Und was macht sie, die Blondierte, Geschminkte mit den langen Nägeln und dem Kaugummi im Mund? Sie nimmt es genau da, wo das kleine, sensible Mikrophon, das von einem Schaumstoff – Windschutz umhüllt wird, drinnen ist, zwischen die Finger und tapscht einmal ordentlich, ob es nicht vielleicht doch ein getarnter Sprengsatz oder so ist. Ich reagiere ganz natürlich, als auserkorene Verteidigerin des zarten Mirkophönchens und des eigenen Geldbörsels, instinktiv beschützend (weil mich das, was sie macht, so ganz praktisch gesehen ein paar hundert Euro kosten könnte), und dementsprechend schnell und vehement.

Die Blondierte interpretiert meinen Beschützinstinkt leider als große Respektlosigkeit ihr, und somit dem “System” gegenüber und um ein Haar, hätte nicht Sidar unterwürfig und beschwichtigend interveniert, wäre die kleine, missglückte Begegnung zum Ende meines Kurdistan-Debüts geworden.

Probier doch mal, aber bitte frag vorher

Mit flottem, aber nicht zu schnellen, bemüht entspannten und doch bei jedem Schritt vorsichtigen Gang entfernen wir uns endlich Richtung Eingang, hinein, vorbei an weiteren, im Vergleich entspannten Securities, und kommen endlich in der Halle an, die sich, als wir sie beim Seiteneingang betreten links nach unten und rechts nach oben in unzähligen Reihen erstreckt. Wie viele Menschen haben hier wohl Platz? Ich schätze… an die 40 pro Reihe, das sind sicher 30 Reihen, dann wären es 1200. Na servas. Die Bühne auf der wir (mittlerweile ist es circa 19 Uhr) soundchecken und proben sollen ist, wer hätte es erwartet, alles andere als für uns bereit. Im Gegenteil, die Screens für die unerlässlichen Hintergrundanimationsmuster bedecken einen Großteil der Fläche. Wir haben Hunger und ich packe das einzig Verfügbare, meine aus Österreich mitgebrachten Süßigkeiten, aus und so stopfen wir uns die Mannerschnitten, Raffaello, Mozartkugeln und Giotto in den Mund, Überlebens-Urinstinkt sozusagen.

Nach mühsamem Anstecken, Verkabeln, Soundchecken und so weiter können wir gegen 22 Uhr endlich beginnen zu spielen, die ersten Töne des Tages. Die Boxen sind so laut aufgedreht, dass es ohne Oropax kaum auszuhalten ist. Wir wiederholen das gelernte Repertoire und ergänzen noch zwei einfache Nummern, die wir jammen werden, simples Thema und dann Solos. Mühsam geht es voran und der Hunger wird immer mehr von einem eigentlich kaum verwunderlichen Kopfweh begleitet. Es ist Mitternacht. “Sidar, wir haben Hunger, es geht nicht mehr”. Gnadenhalber wird billiges Fastfood, Kurdish Style, bestellt, das wir oben auf ein paar Bänken verschlingen. Die Spannung zwischen Santiago und Sidar steht in der Luft wie vor einem Gewitter, bei dem die Haare zu Berge stehen, doch diesmal bin ich es, der es zuerst reicht. Ich kann und will nicht mehr proben, es ist zu laut und ich habe Kopfweh. “I have only one brain and this one has a headache”, sage ich und meine es. Seit dem Vormittag warten wir, sind bereit. Am nächsten Tag sollen wir (angeblich) um 9 Uhr gestellt sein um im Hotel PCR-Coronatests zu machen, ohne die wir nicht fliegen dürfen. Mein Flug geht noch in der selben Nacht nach dem Konzert, um 4:30. Sidars Ego ist beleidigt, ich nähere mich immer mehr dem Santiagoschen Spannungslevel an und wir fahren in’s Hotel. Als ich meine Sachen aus der Konzerthalle hole bemerke ich, dass der Rest meiner Süßigkeiten verschwunden ist. Wer bitte fladert einer Band die Schokolade? Danke Tontechniker (sonst war ja niemand da), aber ihr hättet auch fragen können, wenn ihr unbedingt kosten wollt, fladern find ich ungut. Gute Nacht, ein letztes Mal, und viel Glück uns allen für morgen, wir können es brauchen.

sechster Tag – donnerstag, 17. März

Private und öffentliche (Spannungs-) tests

Neun Uhr PCR-Test, das glaubt sowieso niemand. Und gut so, es stimmt nämlich auch nicht. Dann heißt es zehn, aber auch das glaubt eigentlich niemand. Nur die Tests, die brauchen wir halt ziemlich dringend, und so schaffe ich es immerhin erstmalig zum Hotelfrühstück. Nicht schlecht, Buffet, Aussicht, Kaffee, Orangensaft, was weiß ich, also fast schade, dass ich sonst nie dabei war. Auch sonstige kulinarische Entbehrungen lassen sich so wahrscheinlich leichter ertragen, obwohl unser Konzert eh schon um 17 Uhr startet. Jedenfalls, und ich denk mir das alles wirklich nicht aus, ich schwöre, als Sidar und seine Helfer, Mohammad eins und zwei, dann doch noch auftauchen, erfahren wir: also das mit PCR im Hotel wird leider doch nichts, sondern wir müssen dafür in’s Krankenhaus fahren. Ich bekomme den Eindruck, dass hier niemand weiß, wie und wo man solche Tests machen kann. Zur selben Zeit in Wien, alles voll organisiert mit Gurgeltests von daheim, die man im Supermarkt einwerfen kann, und so. Vielleicht auch übertrieben, wer weiß. Jedenfalls geht es los, zum Krankenhaus. Dort erfahren wir, leider, Tests gibt’s auch hier nicht mehr, das war gestern, heute alles anders. Kurze Krise, Telefonate, es taucht irgendeine Adresse auf. Da müssen wir hin, okay. Nach einer weiteren viertelstündigen Fahrt stoppen wir, irgendwo an einer Seitenstraße. Wie bitte? Doch doch, genau hier. Wir steigen aus und entdecken das kleine Büro versteckt zwischen ein paar unscheinbaren Wohnhäusern. Voll touristenfreundlich, denk ich mir. Hat man eigentlich keine Chance, genau genommen, also ohne Lokalhilfe.

Jedenfalls, hier hat man die Möglichkeit auf eine PCR-Test-Erfahrung mit persönlichem Touch. Wahrscheinlich, weil nicht so oft jemand vorbei kommt. Vermutlich quasi nie, und wenn dann nur wegen dem leidlichen Fliegen. Das Röhrchen mit der Probe wird per Hand beschriftet, mit Filzstift schreibt die tiefenentspannte Frau unsere Namen darauf, Vorname genügt, heißt wahrscheinlich hier sonst eh keiner so. Das Ergebnis bitte heute noch , danke, weil Flug. – “Auf jeden Fall!”, versprechen die Tiefenentspannten. Auf zum Konzertsaal, die Stunde der Wahrheit steht unmittelbar bevor.

Achso, übrigens, kurzer Denkanstoß von wegen christliche Kulturprägung und so, schon mal über’s rote Kreuz, also so generell, also Symbol für Spital und Rettung und so, nachgedacht? Zufall? Ja nein, also jetzt dämmert’s wahrscheinlich eh schon, und vor allem, mit Blick auf das Bild, dann wisst ihr eh schon… In Erbil ist es ein roter Sichelmond. Eigentlich logisch. Mind blown, trotzdem.

Diesmal gibt es kein langes Warten, zum Glück, sonst würden wir nämlich unser Konzert versäumen. Sogar einen kurzen Soundcheck schaffen wir, auch wenn die Stimmung besser sein könnte.. Vor allem Santiago ist etwas unrund, und jetzt nicht nur wegen den ständigen Stichelein gegen ihn, sondern auch finanziell, ganz praktisch, weil er nämlich (im Gegensatz zu uns anderen) den Flug bis jetzt aus eigener Tasche gezahlt hat, und von Uruguay ist das jetzt auch nicht besonders billig. Es kommt die Sorge auf (weil Vertrauensbasis mittlerweile gleich Null), dass nach Verlassen des Landes jede Hoffnung auf Rückerstattung dem naiven Glauben an irrealen Altruismus gleicht, quasi reinste Naivität. Auch ich habe übrigens etwas vorgestreckt, nämlich 70 Euro für das Visum, die Einreisegebühr am Flughafen, und jetzt langsam fordere ich sie auch immer vehementer, weil auch meine Vertrauensbasis auf Null gesunken ist. Nach dem Soundcheck gibt es diesen Moment, wo nicht klar ist, ob wir spielen werden oder es doch im Backstage handgreiflich werden könnte. Aber dann, unglaublich: “Do you have Dollars to change?”. Ehm, natürlich nicht. “We use Euros in Europe…”, sage ich. Okay, noch viele andere Währungen, aber ich will’s nicht noch komplizierter machen. Ich gebe dann in (unnötig abgehobenen) Irakischen Dinar raus, und stecke einen 100-Dollar Schein ein. Monate später werde ich ihn in Wien in einem Wirtshaus bei einem US-Amerikanischen Klezmermusiker und Kollegen gegen Euros tauschen, manchmal ergibt sich sowas.

Sicherheitshalber aufgepasst

Beschreibung unseres Backstages: Oida! Okay, normalerweise, und wir sind jetzt nicht so auf Luxus oder so, aber normalerweise gibt es im Backstage zumindestens Snacks und Getränke, Wasser, oft auch alkoholische Getränke wie Bier oder Wein, wobei ich einsehe, dass das mit Alkohol hier vielleicht schwieriger ist, aber Wasser, ich mein… Nagut. Und sonst ist hier auch Chaos, wahllos verstreute Gegenstände, gestapelte und verstaubte Sessel… der Charme eines Abstellkammerls. Aber wie gesagt, es geht nicht um Luxus oder so..

Als wir vom Kurzsoundcheck zurück in’s Backstage kommen sitzt da ein uns fremder Mann in Jogginghosen und Hemd auf der Couch und telefoniert in.. Arabisch? Kurdisch? … Ich bin verwirrt, vor allem weil er dort sitzt, wo der lebenserhaltende, bis jetzt im Hotel gehortete, zweite Süßigkeitenanteil auf uns wartet. Mir schwant Böses, ich erahne schon wieder skrupellosen Süßigkeitenraub… Der Fremde steht auf und verlässt den Raum, immer noch telefonierend. Aus dem Hosenbund der Jogginghose lugt eine locker fixierte Pistole hervor. Beruhigend oder erschreckend? Na hawidere… Wenigstens sind die Süßigkeiten diesmal unangetastet.

Der Stunde der Wahrheit

Im Dunkeln warten wir am Rand der Bühne, versteckt von dicken, schweren Vorhängen. Die Geige in der Hand, immer vorsichtig darauf bedacht, weder das Instrument noch das sensible Mikrophon mit dem dünnen Kabel zu beschädigen, stehe ich mit den andern in der Zugluft der sich nicht schließen lassen wollenden Seitentür. Was für eine geniale Band, eigentlich, was für liebe Leute, was für super Musiker, denk ich mir und hoffe, dass wir uns trotz der großen Distanzen und unterschiedlichen Wohnorte wieder sehen werden…

Dann endlich, einzeln treten wir auf, angekündigt auf Kurdisch, nehmen unsere Plätze ein, stecken Kabel an, es geht los. Ich fühle mich wohl im Halbkreis dieser einwöchigen Gruppe, unser Organisator steht in der Mitte, im Rampenlicht, dessen Fokus nur bei gelegentlichen Solos auf eine/n von uns anderen schwenkt. It’s Showtime, Müdigkeit und Spannungen müssen jetzt verborgen bleiben. Die erste Nummer meistern wir den Umständen entsprechend fabulös, nach Kurdischen Worten und Vorstellungen der Band geht es weiter, Kameras an langen Stangen fliegen über unsere Köpfe, hinter uns werden bunte Animationen auf LED-Screens projiziert, die Lichtkegel der Scheinwerfer ziehen ihre Kreise. Das Auge hört mit. Nach den ersten paar Nummern dann plötzlich kollektiver Aufbruch einer Vielzahl von Anzug-Männern, die offenbar nur ihre Anwesenheitspflicht erfüllt haben. Jetzt verstehe ich auch, wieso unsere besten Stücke alle am Anfang des Konzerts verpulvert wurden…

Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, wir haben es geschafft, das Unbeschreibliche ist geschehen, wir haben ein Konzert mit Live-Fernsehen in einer riesigen Halle, mit “wichtigem” Besuch gespielt, und das obwohl wir vor sechs Tagen noch nicht einmal eines der Stücke jemals gehört gehabt haben. Dass Sidar, der uns übrigens im Vorhinein keinerlei Aufnahmen zukommen hat lassen und dessen Melodien und Arrangements den Großteil des Programms ausgemacht haben seinerseits nicht einmal das kurze Thema von Remis jammiger Komposition gelernt hat, sei hier nur am Rande erwähnt. Erschöpft geht es zurück in’s Backstage, endlich Ruhe… glauben wir.

K24 Live: Ende der ersten Nummer, Vorstellung der Band (auf Kurdisch), ab ca 3:50 zweite Nummer, unterbrochen von K24
K24 Live: Musik
Geigensolo, Handyvideo

Naja, wenn schon alles so groß und wichtig ist können wir natürlich nicht im Abstellkammerlbackstage verharren, das ist klar. Wir werden schnell zurückgepfiffen, denn jetzt müssen Fotos gemacht werden und obwohl wir natürlich eigentlich lieber gechillt hätten ist es doch auch ein bisschen schön, dass die Leute zu uns kommen. Für mich persönlich allerdings wirklich nur ein bisschen, weil dieses hallo-selfie-tschüß halt nicht so meins ist, ich denk mir beim Bier im Wirtshaus lernt man sich besser kennen. Auf das freu ich mich übrigens auch schon sehr, denn jetzt kommt ja die große Party, das verdiente Fest, mit Musik und Tanz, mit viel köstlichem Essen, mit vielen lieben Menschen…

Frau dich und frohlocke!

Übrigens, es gibt sie doch, die Frauen in Erbil! Kleiner Scherz, aber in meiner Woche dort habe ich tatsächlich weitaus mehr Männer getroffen, was natürlich auch daran liegt, dass die Band eben außer mir nur männlich war und die Hotelangestellten auch und in den Restaurants auch und sonst waren wir ja nicht so viel unterwegs. Jedenfalls haben sich Freunde zuhause schon gewundert, warum auf den Fotos, die ich ihnen per Chat schicke fast keine Frauen zu sehen sind. Jetzt nach dem Konzert kommen aber einige zu mir, vielleicht sogar speziell zu mir? Die Feministin in mir hofft, dass ich vielleicht so etwas wie ein ermutigendes Vorbild für sie sein kann, so quasi: Ja, eine Frau kann auch mit einem Haufen Männer auf der Bühne stehen und Geige (oder sonstwas) spielen! Nicht, dass es das in Kurdistan nicht gäbe, das will ich nicht unterstellen, aber sicherlich sind auch dort weitaus mehr Männer auf Bühnen, wie eigentlich eh überall. Aber genug davon, jedenfalls war es schön auch Kurdische Frauen zu treffen, das ist klar.

Das turbulente Ende

Gegen 21 Uhr verlassen wir endlich das Gebäude. Eine positive Nachricht gibt es immerhin: Unsere Coronatests sind angekommen und negativ. Phantastisch, wir können also fliegen! Remi, Santiago und ich haben Flüge zu ähnlichen Uhrzeiten, also werden wir alle gemeinsam um 3 Uhr früh mit einem Taxi zum Flughafen gebracht, so ist es ausgemacht. Packen müssen wir auch noch. “Let’s pack first!”, kommt die Idee auf, also zuerst zurück zum Hotel. Klingt logisch, denn nach ausgelassenem Feiern vergisst man vielleicht etwas, denk ich mir, und stimme zu.

Vom Hunger getrieben stehen wir 30 Minuten später schon wieder vor dem Hotel, das Gepäck wartet abholbereit in den Zimmern. Wo geht’s hin? Zu Live-Musik? Essen? Ich bin gespannt. -“I’m sorry, I’m too exhausted.” ist Sidars Erklärung. Wie bitte? Naja, gehn wir halt zum Fast Food, meinen die anderen, Hauptsache endlich etwas zwischen den Zähnen. Ich glaub ich hab mich verhört. Den ganzen Tag hungern wir, außer dem Hotelfrühstück und ein paar Süßigkeiten haben wir nichts bekommen und jetzt sowas? Wo ist sie jetzt, die Gastfreundlichkeit? Der Stolz auf die Kulinarik, auf die Kultur und alles, na Herr Sidar, alles schon vorbei? Weil du eh schon weißt, dass du eigentlich bei uns allen so ziemlich alles verspielt hast im Laufe der Woche? Oder hast du eh von Anfang an schon gewusst, dass es uns, wie vielleicht vielen davor, nach einem Mal reichen wird? Ich will nicht diskutieren, das heißt ich will schon, und so wütend war ich lange nicht, aber die andern wollen möglichst schnell den Hunger stillen, also gehen wir eben wieder einmal in’s Iceland auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich sorge dafür, dass ich möglichst weit weg von Sidar sitze, am anderen Tischende. Zu seiner Sicherheit, denk ich mir. Nachdem wir das Loch im Bauch gefüllt haben frage ich trotz allem, wohin wir jetzt fahren können, ein Bier trinken, Musik, was auch immer. “I’m really too exhausted, you have to understand, I will go to sleep.” Ich explodiere. “Are you completely insane?? A week you let us wait, you don’t write when you’re some hours late, you are aggressive to Santiago all the time, you always just say how poor you are, just a victim of the evil government, and now, on our last evening, when we have to leave at 3am, have to stay awake, practically speaking, want to just relax with a beer, have some fun, now you want to leave us at the hotel and go home? What are we, your music slaves? What the fuck!!!” Wäre ich eine Lokomotive hätte man mit dem Dampf, der aus meinen Ohren gestaubt ist sicherlich bis nach Sibirien fahren können.

Die Stimmung hat ihren Tiefpunkt erreicht. Wir gehen in’s Hotelcafe. “He’s a fucking psychopath”, werde ich beruhigt, aber das hilft uns im Moment auch wenig und zaubert uns leider auch in keine Bar. “One tea please”, weil was sonst. Aber was wäre es für ein Ende, wenn das Drama jetzt schon vorbei wäre. Plötzlich verkündet Sidar, bzw. lässt ausrichten, dass er jetzt doch reserviert hat in einer Bar, und wir hinfahren können. – “Let’s go!” Aber jetzt streikt Santiago. Er bleibt lieber im Hotel, sagt er. Ajjjjjjj…. Naja, mir ist die Gesellschaft dann doch wichtiger als das Bier, besonders wenn das Bier mit Sidar getrunken werden muss. Santiago alleine lassen kommt sowieso auch nicht in Frage. Schließlich fahren Remi und Sidar, wir andern bleiben im Cafe. Tee, Orangensaft, Zigarettenrauch. Der Abschied von Sidar um 3 Uhr fällt auch entsprechend distanziert aus, ein Good Bye aus der Ferne, das ist für mich genug der Gefühle. Eigentlich hoffe ich, ihn nie mehr treffen zu müssen, aber sowas sagt man natürlich nicht. Sergen ist schon schlafen gegangen, aber pssstt! Secret! Hoffentlich komme ich wieder nach Erbil, denke ich mir trotzdem. So Vieles gibt es hier noch zu entdecken, in dieser ungezähmten Stadt mit dem besten Essen und der durchgedrehtesten Musik.


Abschied vom wilden kurdist

– “You know what?”, fragt Remi, als das Taxi losrollt. Wir sitzen hinten, einander gegenüber, irgendwie bissl Gangsterstyle, mit verdunkelten Fenstern. Zwischen uns türmen sich Gepäck und Instrumente. – “Look at this!” Er zeigt uns unauffällig den Inhalt seiner Tasche. “I got my bottle back and i can’t take it to the plain.” Eine Ansage. Aber was wären wir für Musiker und innen, wenn wir in einer Dreiviertelstunde keine Flasche Whiskey vernichten könnten. Herausforderung angenommen. Also, natürlich nur, weil das sonst echt schade wäre, den Alkohol einfach wegzuschütten, sozusagen Respekt vor Nahrungsmitteln, bewusster Umgang mit natürlichen Ressourcen. Nach gefühlten zehn Sicherheitschecks noch vor der eigentlichen Security und mit aufgegebenem Gepäck wenden wir einen kleinen, diskreten Umfülltrick an und setzen uns mit der Plastikflasche auf eine Plastikbank. Ein Abschied. Ein Abschied von Erbil, von Kurdistan, vom Irak (aber Irak darf man nicht sagen, ich weiß), ein Abschied von neuen Freuden. Ein Abschied und das Ende eines Abenteuers. Ich überlege, ob ich den Nahmittelosten sofort weiter erkunden will, oder vielleicht erstmal einfach mehr mit den Nahmittelostlern in Wien connecten, Urban Living im Kulurmix und so. Wir lästern, wir plaudern, wir erzählen, wir planen und hoffen, dass wir uns wiedersehen. Wann und wo und wie, das weiß natürlich niemand. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Immerhin haben wir ja auch das Potential eine Weltklasseband zu sein. Finden wir jedenfalls, bescheiden wie wir sind. Nur den Saxophonisten sparen wir wahrscheinlich aus.

Dann geht es schnell, eine Umarmung, und wir gehen in unterschiedliche Richtungen zu unseren Gates. Der Whiskey wirkt, und auch die Müdigkeit. Um 4:30, als das Flugzeug abhebt, fallen meine Augen zu.

Mit Aufenthalt in Doha von 6:55 bis 8:30 komme ich um 12:20 Lokalzeit in Wien an. In Erbil ist es bereits 14:20. Es ist kühl im Vergleich, wenn auch sonnig. Gemütlich schlendere ich vom Gate zum Gepäckausgabeband, dann zur Schnellbahn. Eigentlich schon Luxus, diese Freiheit, alleine unterwegs zu sein. Wie immer, wenn ich von einer Reise, von einem Abenteuer heimkehre schaue ich mir die Gesichter der Menschen in meiner Heimatstadt mit anderen Augen an, höre die Sprachen und Gespräche mit anderen Ohren. Irgendwie braucht es das Reisen, um das Zuhause erst wirklich zu sehen, glaube ich. In der Vertrautheit liegt aber auch Entspannung. Ohne darüber nachzudenken gehe ich alle Wege wie im Schlaf, nicht eine Sekunde muss ich mich orientieren. Zu Hause angekommen lasse ich mich auf die Couch fallen. – “Was für eine Reise!”, denke ich mir. Vielleicht sollte ich die Geschichte erzählen…


Im Jänner 2023, als ich diese Zeilen schreibe haben wir uns noch nicht wiedergetroffen, aber wir haben eine neue Whatsapp-Chatgruppe gegründet. “No name for now” wurde ersetzt durch eine minimal kleinere: “Erbil without king”. Die Videomitschnitte vom Konzert haben wir bis heute nicht erhalten.


Die schönen Seiten, Promovideo