Ankunft in Piroman

Als wir mit dem Auto mit Kennzeichen aus dem Slowenischen Maribor über die alte Steinbrücke fahren ahne ich noch nicht, welchen Einfluss der kleine Nachmittagsausflug noch einmal auf mein Leben haben wird. Es ist Spätsommer, der 20. August 2019, und als wir kurz vor halbzwölf die Ortstafel in Kyrillischer und Lateinischer Schrift fotographieren können wir unmöglich erwarten, dass wir drei Stunden später auf dem Balkon des legendären verstorbenen Geigers Boban Voz sitzen werden. Das kleine Dorf heißt Piroman. Ja, wirklich. Kyrillisch geschrieben sieht das so aus: Пироман. Mit seinen knapp 1000 Einwohnern liegt es in etwa 46 km südwestlich von Belgrad, die nächste größere Stadt Obrenovac mit ungefähr 70 000 Einwohnern ist Richtung Belgrad gelegen circa 11 km entfernt. Bis vor kurzem habe ich von der Existenz Piromans keinen blassen Schimmer gehabt, aber nach zwei Tagen auf einem Serbischen Geigenmusikfestival mit integriertem Wettbewerb bin ich in Abenteuerlust und habe sofort zugesagt, gemeinsam mit meinen drei Slowenischen Freuden auf Erkundungsgang zu gehen. Eigentlich war ich ja Groupy. Also, meine Freude haben mit einer Gruppe ein Konzert gehabt am “Prvi Sabor violinista Srbije u Pranjanima”, also der ersten Versammlung Serbischer Geiger in Pranjani. Also, einem Volksfest mit Wettbewerb, in etwa. Als ich erfahren habe, dass sie dort hinfahren, wo sich die Kolo spielende Geigenwelt trifft, habe ich mich aufgedrängt. “Bitte nehmt mich mit, ich muss da hin!”

Wir fahren langsam die Straßen des Roma-ortsteils entlang und suchen nach hinweisen, welches Haus wir anpeilen sollen. Auf dem Festival haben wir zwar mit einigen Piromanci geredet, aber Freundschaft im Sinne von “wir kommen uneingeladen auf Besuch” ist doch etwas anderes. Viele Häuser sind unverputzt, manche nicht fertiggestellt. Besonders gut sieht man das, wenn man einen Blick von hinten erhascht, denn vorne werden sie oft von kleinen Mauern mit steinernen Ballustraden in anmutig antikem Stil geziert und auch viele der Balkone würde man eher in Venedig als in einem kleinen serbischen Dorf vermuten. Plötzlich bemerke ich im Augenwinkel ein Auto, das schräg neben einem Haus geparkt ist. Ich kann meinen Augen nicht trauen. Ein Wiener Kennzeichen. Wenige Meter weiter, noch eines. Während wir langsam dahinrollen zähle ich nach und nach um die zehn Autos mit dem großen “W”. Zugegeben, natürlich gibt es hier auch Autos mit serbischen Kennzeichen, wir sind schließlich in Serbien, aber ansonsten keinerlei ausländische… außer…. Wien. In diesem Moment wird mir bewusst, dass mir eine Suche bevorsteht. Eine Suche in meiner eigenen Heimatstadt. Eine Suche nach dem Dorf in der Stadt. Wer auch immer mit diesen Autos nach Piroman gefahren ist, fährt wieder nach Wien zurück.

Als wir schließlich doch jemanden fragen, (“Wir suchen unsere Freunde, wo hat Boban Voz gewohnt?”) und glauben, das richtige Haus gefunden zu haben wissen wir nicht direkt, wie es jetzt weitergehen soll. Wir können ja kaum anläuten (gibt es überhaupt eine Türklingel?) und sagen “Hallo, wir sind da, wo sind die Geiger?”. Also parken wir an einer unauffälligen Stelle im Schatten und schmieden einen Plan. Erstens: Mitbringsel sicherheitshalber bereithalten. Zweitens: Geigen auspacken, möglichst bald. Ein bisschen unsicher machen wir es uns neben dem Garten, also außerhalb, gemütlich. Natürlich werden wir bald bemerkt und von einem circa 17-Jährigen Mädchen angesprochen. Meine Serbisch-Kenntnisse reichen leider nicht aus, um die Details der Unerhaltung zu verstehen, aber kurz darauf wird ein Plastiktisch und einige Plastiksessel herangeschleppt. Besser! Außerdem werden uns Kekse und kaltes Wasser gebracht. Wir stellen den Schnaps auf den Tisch, sicherheitshalber. Dann packen wir die Instrumente aus, denn die beste Art, sich in einem Geigendorf beliebt zu machen ist ja wohl Geigenmusik. Kurz darauf gesellt sich ein etwa 12-Jähriger Bub zu uns. Er spielt auch Geige. Kurzer Wortwechsel und wir spielen alle gemeinsam. Ein paar Nummern, die wir alle kennen und dann bringen wir dem Buben einige Teile von einem Stück bei, das er nicht kennt. Ein paar mehr Leute gesellen sich dazu. Nach vielleicht einer halben Stunde gibt es das nächste Upgrade, wir werden auf den Balkon eingeladen. Mitlerweile hat es sich im ganzen Dorf herumgesprochen, dass da Fremde sind, obwohl ich als Wienerin eigentlich nicht weiter auffallen würde, wenn ich nur fließend Serbisch sprechen würde.

Das Stück heißt “Piromansko Blato”, also “Piromanischer Schlamm”.